Trauerrede 

von Markus

 

Als erstes möchte ich meinem Papa Georg dafür danken, dass er mir immer ein wunderbarer Vater war.

 

Er war ein ganz anderer Mensch als ich es bin, hat sich für andere Dinge interessiert, pflegte einen anderen Lebensstil. Aber trotzdem waren wir einander auch in vielen Belangen sehr ähnlich. Er liebte wie ich die Ruhe und das Nichtstun. Er liebte gutes Essen, trank gerne Bier, genau wie ich. Und auch politisch waren wir meist einer Meinung. 

 

Was immer ich in meinen Leben gemacht habe, welche Entscheidungen ich auch für mich getroffen habe, er hat mich immer liebevoll unterstützt, auch wenn er selber wohl oft anders gehandelt hätte.

Als ich mich als junger Erwachsener dazu entschied, aus der Kirche auszutreten, hatte ich grosse Bedenken, ihm das zu sagen, denn er war ein gläubiger Mensch, und ich weiss, dass ich ihn damals sehr enttäuschte. Eigentlich war die Kirche das einzige Thema, über das wir nicht offen und ungezwungen miteinander sprechen konnten. Aber er hat meine Entscheidung akzeptiert und mir deswegen nie einen Vorwurf gemacht.

Als ich ihm kurz darauf eröffnete, dass ich schwul bin, war das kein Problem für ihn. Obwohl er es erst nicht ganz verstand, war er sehr verständnisvoll und unterstützend. Er schloss meinen Partner Hermann, der heute auch hier ist, als neues Mitglied der Familie in sein Herz. Zusammen mit Janice ging er sogar mit uns auf die Strasse, als wir für unsere Rechte demonstrierten.  

 

Ich weiss ganz sicher, dass er sich nie etwas anderes für mich wünschte, als dass ich in meinem Leben glücklich und zufrieden bin, auf meine eigene Art. Für all das, und für deine grenzenlose Liebe, danke ich dir, lieber Papa.

Im Sommer 1937 in München wurde Georg in eine ziemlich grosse Familie hinein geboren. Er war das neunte vom zwölf Kindern.

Es waren schwierige Zeiten damals in Deutschland, aber dank seines eigenwilligen Vaters, eines passiven Rebellen, wurde er glücklicherweise vom Schlimmsten verschont. Die Familie sass den Krieg versteckt und zusammengepfercht in einer Hütte draussen im Wald aus. Als er 8 Jahre alt war, waren die Nazis geschlagen und der Krieg war vorbei. Die Familie ging die 30 Kilometer zu Fuss zurück in die zerbombte Stadt, wo ihr Haus immer noch stand.

 

Obwohl er ein kluger Junge war, mochte er die Schule nicht. Er verzichtete bewusst auf eine höhere Bildung, wollte so früh wie möglich selbständig werden. Er erlernte den Beruf des Schriftsetzers, und die Liebe zum gedruckten Wort sollte ihn sein ganzes Leben lang begleiten.

 

Mit 18 Jahren verliess er die Heimat zum ersten Mal und schnupperte fremde Luft in Amsterdam, Paris und – sehr wichtig – in Bern in der Schweiz. Später folgten Abstecher nach Schweden, Hamburg, Frankfurt, erneut in die Schweiz, und nach Wien. Immer wieder zog er los, fand überall Arbeit in seinem Beruf, genoss seine Freiheit. Aber er kehrte auch gerne nach Hause, nach München zurück. Dort wurden in dieser Zeit wunderbare Freundschaften geknüpft, wovon viele bis heute erhalten geblieben sind. 

 

Auch der Kontakt in die Schweiz riss nicht ab, und als die verheiratete Frau, in die er insgeheim seit dem ersten Treffen verliebt war, ihm in einer Weihnachtskarte berichtete, dass sie sich von ihrem Mann scheiden lassen wollte, packte er mit 31 Jahren definitiv seinen alten Pappkoffer und verlegte seinen Wohnsitz in die Schweiz, wo Marlies und ihre drei Kinder Esther, Claudine und Ralf lebten. Im Frühling 1969 heirateten die beiden, und drei Jahre später kam ein weiteres Kind dazu, ich wurde geboren. Ich schätze mich glücklich, dass Papa dies als eines der bedeutendsten Ereignisse seines Lebens geschildert hat.

Auch meinen drei grossen Halbgeschwistern war er ein ebenso guter Vater wie er es mir war.

Gemeinsam mit meiner Mutter baute er für die Familie ein Haus, war immer für alle da, sorgte dafür, dass es allen gut ging. Erste Enkelkinder wurden herzlich auf der Welt begrüsst, Feste wurden gefeiert, Freundschaften wurden gepflegt. Die Jahre vergingen, mit den üblichen Höhen und Tiefen, und alles in allem war es eine schöne Zeit.

 

Als ich mit 21 Jahren meinen Auszug aus dem elterlichen Heim plante, entschied auch meine Mutter, von Papa fort zu gehen. Das war ein gewaltiger Schicksalsschlag, den er nicht kommen gesehen hatte. Es war 1993, die wahrscheinlich düsterste Zeit in Papas Leben. Aber dann erschien zum Glück Janice auf der Bildfläche und seine trostlosen Aussichten verwandelten sich in eine glückliche neue Zukunft. Janice wird jetzt mit ihrer gemeinsamen Geschichte fortfahren.

 

Nur noch eines: 

Papa war immer ein ruhiger und bescheidener Mensch. Aber er wusste, wie man das Leben geniesst, und wie man die Freude daran weiter gibt. In vielerlei Hinsicht ist er mir immer ein gutes Vorbild gewesen. Die Gewissheit, dass er ein gutes Leben hatte, erfüllt mich mit Dankbarkeit. 

Lieber Papa, ich werde dich nie vergessen.