Georg und ich....

von Janice

 

Ich traf Georg zum ersten Mal 1978, als Bauern-Land in Siedlungsgebiet umgezont wurde. Häuser wurden gebaut ­–­ und wir wurden Nachbarn. Unsere beiden Familien kamen gut miteinander aus und die insgesamt drei Jungs wurden Spielkameraden, wuchsen genau genommen miteinander auf.

Zeitsprung. 1993-94, als beide Ehen in der Scheidung endeten!

Einige Monate später, an einem warmen Augustnachmittag entschieden Georg und ich uns spontan, miteinander draussen auf seinem Sitzplatz ein oder zwei Gläschen Wein zu trinken. Wir taten uns beide selber leid, teilten unsere Gedanken und Gefühle miteinander. Wir sagten beide, wir könnten nie wieder jemandem vertrauen, wir seien beide zu sehr verletzt worden. Ich spielte mit dem Gedanken, vielleicht nach Australien zurück zu gehen, sobald meine Jungs auf eigenen Füssen stehen würden…

Ich wäre nicht in der Lage gewesen, mein Leben in der Schweiz fortzuführen.

Der Nachmittag wurde zum Abend, der Wein brachte uns zum Reden und dann war da ein Kuss ­– und es war nicht ein einfacher Freundschaftskuss auf die Wange! Das brachte uns wieder zur Vernunft, denn keiner von uns beiden war bereit, geschweige denn auf der Suche nach einer neuen Verbindung. Wir wollten beide keine neue Beziehung, also gingen wir einander für gute vier Wochen aus dem Weg. Das versuchten wir auch weiterhin, aber als Nachbarn ist das irgendwann nicht mehr möglich…

Wir fingen an, gemeinsame Spaziergänge und Radtouren zu unternehmen, tranken zusammen Kaffee oder ein (oder zwei) Gläschen Wein, und allmählich realisierten wir, dass das, was mit uns passierte, richtig und gut war. Weil ich Georg seit vielen Jahren als Nachbar gekannt hatte wusste ich ohne jeden Zweifel, dass er gütig, aufmerksam und absolut ehrlich war, mit einem eigenen, trockenen Humor und einem starken christlichen Glauben – Qualitäten, die ich in meiner ersten Ehe leider nicht gekannt hatte.

Also erblühte aus einer nachbarschaftlichen Freunschaft neuer Respekt, Vertrauen, und schliesslich Liebe, und 1996 heirateten wir mit dem Segen unserer drei Söhne, drei Monate bevor ich 50 wurde, denn Georg sagte “er würde keine 50 Jahre alte Frau heiraten” und “dass wir nicht länger warten sollten, denn schliesslich würde keiner von uns beiden jünger”!

Georg und ich machten drei verschiedene Reisen nach Australien und er liebte absolut alles an diesem Land auf der anderen Seite der Welt.  Er wurde mit offenen Armen von meinen Freunden und meiner Familie hier willkommen geheissen. Eines Tages machte er den Vorschlag, das wir uns in Australien zur Ruhe setzen könnten wenn er pensioniert würde.

Wir dachten gründlich darüber nach, sprachen mit unseren Söhnen, und schliesslich packten wir voller Pioniergeist unseren Haushalt in einen Container und schickten ihn “down under”... Wir hatten keine Ahnung, wo wir uns niederlassen würden – “irgendwo zwischen Sydney und Brisbane” war der unbestimmte Plan, aber wir fanden unser neues Zuhause innerhalb von ein paar Wochen nach unserer Landung – oder vielmehr führte Gott uns zu unserem neuen Heim und von da an fügte sich alles einfach zu einem Ganzen zusammen…

Da war mein Georg also, 65-jährig, weit weg von Europa und seiner Heimat, ohne Englisch. Er war ein verständiger und intelligenter Mann und lernte schnell, verschlang englische Bücher, aber er dachte, seine mündliche Ausdrucksfähigkeit sei sehr beschränkt und so vermittelte er vielleicht oft den Eindruck, er sei in mancher Hinsicht sehr distanziert und verschlossen – was er tatsächlich überhaupt nicht war. Auf seine ruhige Art liebte Georg das Leben ganz und gar.

Wir beide sagten oft, dass wir den Umzug hierher nie bereuten, es war das Richtige für uns, wir liebten unsere neue Heimat, liebten es, nahe bei alten Freunden zu sein und neue Freundschaften zu knüpfen. Er sagte mir und unseren Freunden oft, dass “er mich zurück zu meinen Wurzeln gebracht habe”, und das machte ihn sehr glücklich!

Wir gingen jedes Jahr in die Schweiz zurück – das war so abgemacht. Unsere Söhne haben uns alle mehrmals besucht, und so hatten wir das Beste von beiden Welten. Georg liebte alles an unserem Leben hier und am glücklichsten war er in seinem Liegestuhl draussen auf der Veranda, die warmen Sonnenstrahlen geniessend, den Vögeln lauschend und einfach nur “da”.

Wir waren einundzwanzigeinhalb wunderbare Jahre verheiratet. Ich denke ich kann sagen, wir waren Seelenverwandte, und ich bin unendlich dankbar für diesen wundervollen, warmherzigen und grosszügigen Mann, der in mein Leben kam, als ich es am wenigsten erwartete. Er würde das Gleiche über mich sagen, wir waren vom Glück verwöhnt.

Ich liebte ihn ganz und gar, und ein Leben ohne ihn kann ich im Moment nicht einmal anfangen mir vorzustellen. – “Min liebschte Schorscho, ich dankä dir, für alles.”