Früher Montag Morgen. Hermann und ich schlafen noch, als mein Telefon summt. Es ist Janice. Ich bin noch nicht wirklich wach, die Verbindung ist sehr schlecht und reisst ab. Mir ist sofort klar, dass irgend etwas passiert ist. Weitere Versuche, eine brauchbare Verbindung zu bekommen. Ich kenne das. Manchmal klingt Australien wie ein Ortsgespräch, aber meistens ist es eher das was es ist: Ein Telefonat auf die andere Seite des Planeten. Irgendwann bleibt die Verbindung bestehen und ich höre Janice von weit weg, ganz aufgelöst. Papa hatte einen Herzinfarkt, sie ist mit ihm im Spital und die Ärzte tun was sie können. Das Gespräch ist nur kurz.

Hermann und ich trinken Kaffee. Ich erzähle ihm, was ich soeben erfahren habe. Viel Information ist es nicht. Aber uns beiden ist trotzdem klar, dass es ernst ist und mindestens ich so schnell wie möglich nach Australien fliegen sollte.

Papa

Im Theater am Hechtplatz ist bereits am Vormittag eine Probe angesetzt. So treffe ich die meisten meiner Kollegen direkt an und erzähle ihnen, was passiert ist. Alle sind sehr verständnisvoll, bieten an, für mich einzuspringen, ermutigten mich, sofort einen Flug zu buchen. Das tue ich auch, während der Probe, einen Flug ab Zürich am Abend.

Ich sitze im Zug, endlich ein paar Informationen mehr. Daheim bringe ich Hermann auf den neuesten Stand. Ich will kein Gepäck aufgeben, habe aber keine geeignete Tasche für Handgepäck. Hermann hat eine. Ich überlege, was ich alles brauche und suche die Sachen zusammen.

Ich dachte erst, ICU sei ein Buchstabenspiel für den Spital-Treffpunkt (I see you), aber es ist natürlich die Intensive Care Unit — die Intensivstation. Schon holt mich Schwester Jodie im ICU Waiting Room ab.  Sie begrüsst mich herzlich, erkundigt sich, wie meine Reise war und führt mich durch ein paar weitere Türen auf die Intensivstation. Es hat recht viel Platz, überall stehen Geräte, die einzelnen Betten stehen in Nischen und sind durch Vorhänge getrennt. Alle Betten sind belegt, geschäftiges Treiben. Janice steht in der Mitte des Raums, hinter ihr sehe ich Papa im Bett liegen. Wir umarmen uns fest. Ich sage zu der Schwester, dass ich erst meine Hände waschen sollte, das habe ich das letzte Mal im Flugzeug getan. Sie zeigt auf einen Behälter mit Desinfektions-Gel.

 

Papa ist an viele Schläuche angeschlossen, ein dicker Beatmungs-Schlauch führt durch seinen Mund in die Lunge. Janice sagt mir, dass er wieder selber atmet. Durch den Schlauch wird ihm lediglich mehr Sauerstoff zugeführt. Es ist, als ob er tief schlafen würde. Seine Hände sind etwas kühl, aber er sieht gar nicht schlecht aus, hat eine recht gesunde Farbe. Ich drücke seine Hand, begrüsse ihn und sage ihm, dass ich froh bin, bei ihm zu sein, dass auch in der Schweiz alle fest an ihn denken und dass er wieder gesund werden soll. Jodie sagt uns, sein Blutdruck sei etwas gestiegen, als ich dazu kam. 

 

Jodie fragt, ob ich einen Kaffee oder Tee möchte, oder etwas zu essen. Ich will nichts.

 

Janice und ich sitzen auf beiden Seiten des Bettes, halten Papas Hände. Sie erzählt mir jetzt genauer, was passiert ist. Vom Herzinfarkt im Auto vor dem Medical Center, wo sie wegen Papas Bein waren. Vom Aussetzen seines Atems, von seinem Gesicht, das ganz plötzlich grau wurde, vom Herzstillstand. Vom Personal des Medical Centers, das sofort reagiert hat. Von den drei Ambulanzen, die so schnell da waren. Von den langen Wiederbelebungsversuchen. Von den bei der Herzmassage gebrochenen Rippen. Von der Fahrt ins Krankenhaus, sobald wieder ein Puls da war. Von den zwei Tagen hier auf der Intensivstation, dass sie nicht von Papas Seite gewichen ist, nur gestern kurz nach Green Point gefahren wurde, um das Auto vom Parkplatz zu holen, den noch immer gedeckten Frühstückstisch abzuräumen und kurz eine Dusche zu nehmen. Sie lobt immer wieder das professionelle Personal, das trotzdem so fürsorglich und mitfühlend ist. Man hat ihr für die Nacht sogar ein Bett gebracht.

 

Sie erzählt mir auch, dass sie seit dem CT-Scan gestern weiss, dass Papa keine Chance mehr hat, jemals wieder gesund zu werden. Ich begreife nicht sofort. Zu viele Eindrücke auf einmal.

 

Dann kommt Arzt Rob hinzu. Auch er begrüsst mich herzlich. Er lädt uns in ein kleines Zimmer ein, mit Sitzgelegenheiten, direkt nebenan. Janice und ich setzen uns auf das Sofa, Rob und Jodie sitzen uns gegenüber. Rob erklärt mir sehr einfühlend die Lage und was unsere Möglichkeiten sind. Er sagt klar, dass Papas Überlebenschance verschwindend klein ist, und die Chance auf ein eigenständiges Leben gleich null. Er schafft es, die brutalen Fakten rücksichtsvoll aber doch unmissverständlich rüber zu bringen. Ohne eine Sekunde zu überlegen ist für mich klar, dass Papa so auf keinen Fall weiter leben wollte. Auch Janice ist sich absolut sicher, das das für Papa nicht in Frage kommt. Ausserdem hat er vor ein paar Jahren eine Patientenverfügung ausgefüllt, in der er selber genau diesen Standpunkt vertritt. Also entscheiden wir gemeinsam, die lebenserhaltenden Massnahmen einstellen zu lassen. Ich muss zum ersten Mal weinen.

 

Rob und Jodie erklären uns, was sie genau machen werden und wie es in etwa ablaufen wird. Es könne recht schnell gehen, oder auch Stunden dauern. 

Dann wieder zu Papa. Wir sollen uns melden, wenn wir bereit sind. Kann man für so etwas bereit sein?

 

Kurz nach Mittag wird der Sauerstoffschlauch aus Papas Lunge entfernt. Die Schmerz- und Beruhigungsmittel erhält er weiterhin, etwas höher dosiert. Ohne die ganzen Geräte im Gesicht sieht er richtig friedlich aus, wie wenn er einfach schlafen würde. Er atmet nicht tief, aber regelmässig.

 

Ich sitze mit Janice an Papas Bett, meine Gedanken und Gefühle sind total durcheinander. Viele Erinnerungen kommen hoch. Um Viertel nach eins kommt mir in den Sinn, dass mein Parkticket abgelaufen ist. Ich benutze dies als Vorwand, endlich eine rauchen gehen zu können. Ich habe in Australien erst eine einzige Zigi gehabt, am Flughafen morgens um sieben. 

 

Draussen ist alles zugepflastert mit Rauchverbots-Schildern. You just don’t smoke around hospitals steht drunter. Ich frage mich, was wohl die Patienten machen, die rauchen. Die spinnen doch, die Aussies! Ich eile zum Auto, löse ein neues Ticket und nehme ganz verstohlen in einer Ecke des Parkhauses ein paar Züge. Dann schnell wieder rein. 

 

Die Lage ist unverändert. Ich bin froh, denn Jodie hatte uns erzählt, dass es Patienten gebe, die sich just in so einem Moment aus dem Staub machen. 

 

Ich setze mich wieder zu Papa und Janice ans Bett. Wir reden nicht mehr viel, sind beide ganz bei Papa.

 

Jodie kommt noch einmal vorbei um die Infusionen zu checken. Sie fragt Janice, auf welcher Seite er lieber geschlafen hat. Janice muss kurz überlegen. Links.

Eine zweite Schwester kommt dazu und sie betten Papa um, er liegt jetzt ein bisschen seitlich, es sieht bequem aus. Ich trage meinen Stuhl um das Bett herum, wir setzen uns beide auf Papas linke Seite.

 

Kurz vor halb drei fragt Janice, ob ich immer noch keinen Kaffee will. Doch, jetzt hätte ich wirklich gern einen. Sie holt uns Kaffe, sie kennt sich hier ja schon aus. Ich bleibe bei Papa. Keine zwei Minuten später ist sie mit zwei Tassen wieder da. Der Kaffee ist stark und gut.

 

Plötzlich wird Papas Atmung flacher. Wir stellen unsere Tassen weg und sind wieder ganz bei ihm, halten ihn fest. Dann plötzlich ein Seufzer, und er atmet nicht weiter. Wir glauben beide, dass das jetzt der Moment gewesen ist. Aber dann sehen wir es in seinem Hals noch pulsieren, ganz schwach und unregelmässig. Eine Minute später nochmals ein Seufzer. Diesmal ist es der letzte.

 

Markus

Australien, November 2017

Ich habe noch Zeit, die wichtigsten Job-Infos aufzuschreiben und an meine Kollegen weiter zu geben, damit sie mich im laufenden Spielbetrieb ersetzen können. Am Mittag fahre ich wieder nach Hause zu Hermann, der hat heute zum Glück frei.

Ich rufe Mama an und erzähle ihr, was ich weiss. Sie kann es nicht fassen. Sie wünscht mir eine gute Reise. Spontan bitte ich sie, Esther und Claudine Bescheid zu sagen. Ich hätte zwar noch Zeit dafür, bin aber froh, dass sie mir das abnimmt.

Noch kurz unter die Dusche, dann Abschied von Hermann. Er fragt mich, ob er nachkommen soll. Ich sage ihm, dass das nicht nötig ist. Aber wir werden sehen, bleiben sowieso in Kontakt.

 

Und schon sitze ich wieder im Zug, diesmal Richtung Flughafen.

Am Flughafen gehe ich direkt durch die den Security Check. Ohne Gepäck zum Aufgeben bin viel zu früh dran. Ich wandere durch die Gänge, esse noch ein Sandwich.

 

Der Flieger geht pünktlich. Beim ersten Zwischenstopp in Rom keine neue Nachricht von Janice. Es ist in Australien ja auch mitten in der Nacht. Dafür hat Esther geschrieben. Sie ist auch geschockt und gibt mir ihre besten Wünsche auf die Reise mit. Ich tausche ein paar weitere Nachrichten aus, mit Hermann und anderen Leuten, die von meiner Reise erfahren haben. Alle wünschen mir alles Gute.

 

Dann die zweite Etappe nach Abu Dhabi. In fünfeinhalb Flugstunden die ganze Nacht übersprungen. In Australien ist schon Mittag. Etwas bange schalte ich das Telefon ein. Diesmal gibt’s News. 

Papa war die Nacht über also stabil, sein Zustand ist aber unverändert kritisch. 

Obwohl es hier früher Morgen ist, fühlt es sich für mich nicht so an. Ich trinke ein Bier auf Papa.

Jetzt kommt der mit vierzehn Stunden längste Flug der Reise. Während ich im Flugzeug sitze und zum Glück recht gut schlafen kann, wird man Papa im Spital in die CT-Röhre schieben und seine schweren Hirnverletzungen feststellen. Das wird Janice mir aber erst mitteilen, wenn ich bei ihr bin.

In Sydney so schnell wie möglich durch die Passkontrolle und den Zoll, dann zur Autovermietung.

Der Morgenverkehr in Sydney ist mühsam. Einmal aus der Stadt raus geht’s besser vorwärts. Nach zwei Stunden Fahrt bin ich in Gosford und finde keinen Parkplatz.

Im Parkhaus hat’s tatsächlich noch Platz. Ich löse ein Ticket für vier Stunden.

Das Spital ist wirklich eine Grossbaustelle. Überall Absperrungen und hohe Bretterwände. Aber der Weg zum Haupteingang ist gut ausgeschildert.

Aber ich habe den Weg schon fast selber gefunden, als mich eine Pflegerin anspricht und fragt, was ich suche. Es sind nur noch ein paar Schritte.